Source: Hamburger Morgenpost
Superhelden überfielen Gourmet-Tempel
Dieser Pferdeschwanz soll ihr gehören
Eine weiße Maske, ein dunkler Pferdeschwanz – auf dieses Foto stützt sich die Anklage gegen Irene H. (30). Das Bild zeigt die Aktionsgruppe “Prekäre Superhelden”, nachdem sie im April 2006 das “Frischeparadies Goedeken” überfallen hat. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass es sich bei dem Pferdeschwanz auf dem Foto um den von Irene H. handelt. Gestern war Prozessauftakt vor dem Amtsgericht Altona – und viele Besucher trugen weiße Masken.
Am 28. April 2006 hatten die “Superhelden” Luxus-Leckereien im Wert von 1500 Euro erbeutet und an “Praktikanten, Putzfrauen und Ein-Euro-Jobber” verteilt, verkündeten sie stolz. Kekse, Nobelschokolade und eine Flasche Schampus landeten bei einer Kita. Die Bilder der “Spaßguerilla-Aktion” veröffentlichte die Gruppe auf der linken Plattform “indymedia.org”. Hier fanden die Fahnder auch Fotos von der Angeklagten – und meinten Ähnlichkeit mit der Maskenfrau zu erkennen.
Bizarrer Prozessauftakt: “Wir eröffnen das Verfahren gegen die Ungerechtigkeit in der Welt und in Hamburg”, rief ein Zuschauer, bevor Amtsrichter Nils Werner ein Wort sagen konnte. Der Jurist zeigte Humor, selbst als einige Zuschauer weiße Masken aufsetzten: “Ich komme aus dem Rheinland, mir sind karnevalistische Einlagen nicht fremd.” Aufgeräumte Kommentare des Richters auch beim Betrachten des Beweisfotos: “Da ist ja Speck an der Wange. Bei der Angeklagten ist kein Speck, das nehmen wir wörtlich ins Protokoll.”
Die Angeklagte, hübsch, zierlich, dunkler Pferdeschwanz, nahms schweigend hin. Auch die Prüfung des Fotos durch das Bundeskriminalamt hatte keine Hinweise auf sie ergeben. Zwei “Goedeke”-Mitarbeiterinnen konnten die Angeklagte nicht zwischen den maskierten Pferdeschwanzträgerinnen im Publikum entdecken. Die Fingerabdrücke auf einem Bekennerschreiben stammen nicht von ihr.
Als die Staatsanwaltschaft im Juli 2006 die Wohnung der Studentin auf St. Pauli durchsuchen wollte, verweigerten zwei Amtsrichter den Durchsuchungsbefehl – zu dünne Beweislage. Die Staatsanwaltschaft stellte kurzerhand “Gefahr im Verzug” fest und durchsuchte trotzdem. Die “Beute”: Ihr Laptop, darauf Dateien über Aktivitäten der linken Szene. Fortsetzung am 26. Juni.
Stephanie Lamprecht
Ressort: HH Hamburg
